Pluralog

Gute Anglizismen – böse Fremdwörter

Vor ein paar Wochen hat mich eine Freundin aus Frankreich nach Tipps für’s Fundraising gefragt. Wir sind schon bei der Übersetzung ins Französische gescheitert. Heisst das jetzt “collecte de fonds” gar “mécenat”, oder darf man trotz französischem Sprachpatriotismus den Begriff Fundraising benutzen? Ich war jeden Falls mal wieder froh nicht in Frankreich zu leben, wo lieber neue Wortungetümer erfunden werden, statt Anglizismen und andere Fremdwörter in die Sprache zu übernehmen.

Es ist also mal an der Zeit Anglizismen zu verteidigen. Gute Anglizismen zumindest. Noch dazu schreibe ich den Text gerade aus Brüssel, wo sich alle hervorragend mit schlechtem Englisch unterhalten. Neben den Franzosen finden das nur die Engländer wirklich bedenklich.

Ich finde es gut, dass mit neuen Dingen und Tätigkeiten auch neue Wörter zu uns kommen. Abschottung passé. Ich beschwer mich ja auch nicht, dass es in den USA kindergartens, rucksacks und den weltschmerz gibt. Auf den Export des blitzkriegs hätte ich da schon eher verzichten können.

Genau wie andere Fremdwörter, sind Anglizismen geeignet, Sprache zu differenzieren. Bevor also wieder neue Wörter erfunden werden, spricht nichts dagegen ein bestehendes Wort aus einer anderen Sprache zu übernehmen oder sich international auf ein Neues zu einigen. Ich hab nun mal einen Laptop und keinen Klapprechner.

Wenn ich meiner Oma erklären soll, was ich “arbeite”, ist es egal ob ich erkläre “Online-Marketing für Nonprofits” zu machen oder sage, dass “ich mit Hilfe des Internets Spenden für Vereine und Verbände sammle, ihnen dabei helfe ihre Botschaft zu verbreiten und mit Interessierten und Mitgliedern zu kommunizieren”. Was ich den lieben langen Tag lang mache versteht sie trotzdem nicht. Wobei das wieder ein anderes Problem ist…

Böse wird es, wenn Feinheiten verloren gehen oder niemand mehr die Botschaft versteht. Da sind aber Wörter wie “sale”, nicht weniger Schlimm als “grundrechtsschonend”. Im Gegensatz zu einer Überfremdung von Sprache ist “Neusprech” wirklich ein Albtraum vor dem wir uns in acht nehmen sollten.

Sprache ist immer eine Frage der Audience ähm des adressierten Publikums also des Gegenübers. Bei wissenschaftlichen Texten kommt es da schon mal vor, dass der englische Text verständlicher ist als ein deutscher. Einfach weil die Autoren in der Lage sind einen Sachverhalt klar auszudrücken. Mir sind aber auch schon Philosophiestudenten begegnet, die extra nach Deutschland gekommen sind um irgendwann mal Schopenhauer und Nietzsche im Original zu lesen und wirklich zu verstehen. Wenn zwei Nerds lästern ist es okay, wenn ich als Unbeteiligter nur die Hälfte von ihrem gerande und gebashe verstehe. Schön ist es aber, wenn diese Menschen mit speziellen Fähigkeiten auch in der Lage sind ihrer Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur (nicht im Jobcenter) zu erklären, was sie können.

Aber ich weiche ab. Was ich eigentlich sagen will: versuchen wir eine verständliche Sprache zu sprechen, egal wo die Wörter herkommen.

Vielleicht gibt’s ja auch mal ein neues, cooles Wort aus dem chinesischen oder arabischen. Aber jetzt yalla, yalla zurück an die Arbeit.

  • Jona Hölderle,
  • März 15, 2011

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